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Musikalisch rund, zugänglich, fassbar – neue Psalmvertonungen


Interview mit Andreas Gut
Erstveröffentlichung in: Musik und Liturgie, Fachzeitschrift des Schweiz. kath. Kirchenmusikverbandes SKMV. Ausgabe 6//2016. ISSN 1660-8135


Das Interview mit Andreas Gut führte Martin Hobi
Das Interview als PDF downloaden

In der katholischen Kirchgemeinde Küsnacht-Erlenbach ZH ist es seit Jahren selbstverständlich: Der Kantorendienst. In kirchgemeindeinternen, sehr ansprechend gestalteten Publikationen werden regelmässig zur Fasten- und zur Weihnachtszeit die entsprechenden Antwortpsalmen sowie auch Meditationen und Gebete aufgelegt. Schöpfer dieser Psalmen ist der Küsnachter Kirchenmusiker Andreas Gut, der vor wenigen Wochen als Domkapellmeister nach St.Gallen gewählt wurde. «Musik und Liturgie» sprach mit ihm über dieses in der Schweiz nicht selbstverständliche Engagement (mh).

Musik und Liturgie: Man muss inzwischen von Jahrzehnten sprechen: Die Bemühungen für den Kantorendienst in der Schweiz sind eine lange und auch eine etwas mühsame Geschichte. Die Initiative geht meist weniger von der Kirchenleitung als von interessierten Privatjpersonen aus. Wie nahm der Kantorendienst in deiner Gemeinde seinen Anfang?

Andreas Gut: Auf meinen Stellenantritt 1998, damals noch als Hauptorganist, folgte 1999 die Einführung des neuen Katholischen Gesangbuches KG in der Pfarrei Küsnacht-Erlenbach. Der damalige Pfarrer Albin Keller und ich haben darüber nachgedacht, wie wir unsere Gottesdienstgemeinde möglichst rasch mit dem KG vertraut gemacht werden könnten. Als Folge davon sang ich mit den Senioren an Seniorennachmittagen neue und bekannte Gesänge aus dem KG und wir gründeten eine «Vorsängergruppe». Diese sang 1999 bis 2004 regelmässig während der Advents- und Fastenzeit im Vorabend- und im Sonntagsgottesdienst der Pfarrkirche und darüber hinaus in zahlreichen einzelnen Gottesdiensten. Die Vorsängergruppe trat vor die Gemeinde, sang oft die Strophe eines Liedes vor, sang Kehrverse und Psalmen, trug manchmal einen Gesang alleine vor, pflegte das Singen im Wechsel mit der Gemeinde und praktizierte so die ganze Vielfalt der Möglichkeiten.

Die Initiative für den Kantorengesang erfolgte hier somit beiderseits – seitens des Musikers wie die des Theologen?

Ja, die Ideen kamen im Gespräch zwischen dem Pfarrer und mir, die Umsetzung lag dann bei mir als Musiker. Ziel war, dem KG einen möglichst guten Start zu ermöglichen und eine grösstmögliche Akzeptanz desselben in der Gemeinde zu erreichen. Nicht alle hatten Freude an der kleinen Gruppe von vier bis sechs Leuten, die in den Folgejahren in den Gottesdiensten der geprägten Zeiten vor die Gemeinde hin standen, teils die Gesänge gleich selbst ansagten und vorsangen. Mit einem kleinen Artikel auf der Pfarreiseite des Forums und dem «Herumerzählen» wurde aber rasch eine Gruppe von gegen fünfzehn Leuten gefunden, mit denen ich die Lieder und Gesänge übte und die Einsätze als kleine Gruppe, meist für ein ganzes Wochenende, plante. Mit der Zeit gewöhnte sich die Gottesdienstgemeinde an die «Vorsängergruppe» und irgendwann gehörte sie irgendwie dazu. Es half auch, dass die Gruppe und die Gemeinde nach einiger Zeit von verschiedener Seite Anerkennung für ihre Arbeit bekam und Gottesdienstteilnehmende aus anderen Pfarreien anerkennend feststellten, dass die neuen Lieder bei uns viel vertrauter seien als andernorts. Nach etwa fünf Jahren wurde die Arbeit unserer «Vorsängergruppe» eingestellt.

Eingestellt? – Das «Erfolgsprodukt»?

Dies hängt auch mit einem Pfarrwechsel zusammen, wobei aber schon bald gemeinsam nach weiterführenden Formen gesucht wurde. Der neue Pfarrer fuhr mit mir für ein Wochenende nach Paris, wo ich ihm die Kirchen der Stadt und vor allem die Kathedrale Notre-Dame de Paris zeigte und ihm das musikalische Konzept erklärte. Ähnlich den Gottesdiensten im Lourdes-Heiligtum oder jenen der Taize-Gemeinschaft wird auch in der Pariser Kathedrale das Singen mit Tausenden von Menschen aus aller Welt ermöglicht, die von ihrer eigentlichen Herkunft kein einheitliches Liedgut verbindet. Wir verbrachten den ganzen Sonntag in Notre-Dame und erlebten so die Laudes, das erste Amt mit Gregorianik, das zweite Amt mit responsorialen Eigenkompositionen und ((allgemein bekannter)) Gregorianik (Gloria und Credo), die Vesper mit den eigens komponierten Antiphonen und Psalmen sowie die Abendmesse, der meist der Kardinal von Paris vorsteht und die erneut auf Internationalität ausgerichtet ist.

Die Notre-Dame in Paris als die neue Initialzündung für Küsnacht?

Noch in Paris bat mich Pfarrer Karl Wolf zu überlegen, ob ich für unsere Gottesdienste in Küsnacht auch eigene Antwortgesänge schreiben möchte, da die Antwortpsalmen die Lesungen wunderbar ergänzten, er aber «kein Fan» der verfügbaren Vorlagen sei und die Aussicht auf etwas Aktuelles, Selbstgeschaffenes, unseren Gottesdiensten zu einem eigenen musikalischen Gesicht verhelfen würde. Als Kriterien definierten wir eine für die Gemeinde möglichst erfassbare Antiphon, somit auch die Begrenzung auf die zwejteilige Form der Psalmodie.

Du sagtest, du «zeigtest» Pfarrer Wolf die Kathedrale in Paris. Du hattest zu ihr einen besonderen Bezug, ein besonderes Erlebnis?

In meinen Zwanzigern entdeckte ich die Liebe zur Kirchenmusik in der Notre-Dame. Da ich bald auch von der Kathedrale aus organisierte Führungen für deutschsprachige Touristen gab, lernte ich die Gepflogenheiten und das Personal an der Kathedrale immer besser kennen. Mich faszinierte der hohe, weite Raum, Orgelgebrause, Weihrauch und Gesänge. Eine ruhig-sorgfältig gestaltete Festlichkeit für Ohr, Auge, Nase und Herz. Mehrmals jährlich fuhr ich nach Paris und verbrachte ganze Sonntage in Notre-Dame. Im Verlauf dieser kleinen und gossen Liturgien wuchs in mir der Wunsch, selbst Kirchenmusiker
zu werden.
Die teils losere, teils aktivere Verbundenheit zum Ort und zu den Leuten der Kathedrale blieb nunmehr seit 25 Jahren erhalten und ich reise alle paar Jahre mit einem meiner Kirchenchöre an diesen besonderen Ort. Der dort erlebten ruhigfestlichen Klanglichkeit – ich versuche das inflationäre Wort «meditativ» zu umgehen – schliesse ich mich in meinen eigenen Psalmodien an.

Welche Bedeutung hat der Kantorendienst und insbesondere die eigene Komposition des Antwortpsalms für dich persönlich?

Ich empfinde «unsere» Antwortpsalmen als einen möglichen Beitrag an eine aktuelle Auseinandersetzung mit Kirchenmusik, aber auch als ein nunmehr individuelles musikalisches Gepräge, das unsere Gottesdienste in Küsnacht dadurch ein wenig «besonders» macht.

Du vertonst die Psalmen in eigenen Psalmtonmodellen und schreibst dazu auch einen eigenen Kehrvers. Kannst du uns dazu betreffend Form und der Ausführung etwas erzählen?

Ich erwähnte vorhin die Struktur der zweiteiligen Psalmodie, die aufgrund ihrer unmittelbaren melodischen Repetition textlich zwei Verse umfasst. Der erste Teil eines Doppelverses wird vom Kantor oder der Kantorin gesungen, die zweite Hälfte des Doppelverses von der Gemeinde. Die Antiphon wird nach jedem Doppelvers wiederholt.

Somit erhältst du eine interessante Kombinationsform von solistischer und einer von der Gemeinde ausgefuhrten Psalmodie. Die Texte der Kehrverse wählst du oder schreibst du selbst?

Der im Messbuch vorgesehene Text der Antiphon wird, auch auf ausdrücklichen Wunsch meines Pfarrers, von mir so gestaltet, dass der Mensch Gott direkt anspricht oder, je nach Inhalt der Antiphon, Gott direkt den Menschen anspricht. Der Text der Antwortpsalmen richtet sich nach der Leseordnung. Entstanden sind seither mehrere Dutzend Antwortpsalmen für die Advents und Weihnachtszeit, die Fastenzeit und die Ostertage bis und mit Weisser Sonntag der Lesejahre A, B und C. Dann entstanden im Weiteren ganze Psalmen oder Psalmen-Ausschnitte mit der Doxologie für die an der Vesper orientierten Donnerstagabend-Gottesdienste, dann auch Psalmen, die im Rahmen von Trauergottesdiensten mit der Gemeinde gesungen werden sowie etliche Antwortpsalmen für die Zeit im Jahreskreis. Als wöchentlich geschriebener Beitrag an kirchliche Gebrauchsmusik entsteht zusätzlich auch die Vertonung des Rufes vor dem Evangelium.

Warum hast du dich – nun von der Mitinitiative des Pfarrers einmal abgesehen – zum eigenen Schreiben der Psalmen entschieden? Oder anders gefragt: Was haben deine Vertonungen, was andere nicht haben?

Ich empfinde unsere Antwortpsalmen im Vergleich zu anderen vielleicht als musikalisch runder, zugänglicher, fassbarer. Bilde mir aber gar nichts darauf ein. Sie sind und bleiben Gebrauchsmusik, auch wenn ich mir beim Setzen der Melodie, der Töne und der harmonischen Folge grosse Mühe gebe und meist in mehreren Überarbeitungsschritten schreibe, bis ich mit dem Resultat einigermassen zufrieden bin.

Sicherlich gab es auch Reaktionen seitens der Gemeinde?

Natürlich gab es anfangs die eine oder andere kritische Bemerkung. Vielen gefielen aber die Melodien und der ruhige, runde Rhythmus beim Singen der Antwortpsalmen so sehr, dass nach der Einführung im Advent 2011 die Wiederaufnahme in der Fastenzeit 2012 bereits als selbstverständlich hingenommen wurde.

Woran liegt es, dass der Kantorendienst in der Schweiz noch immer meist ein Mauerblümchendasein fristet?

Unsere Deutschschweizer Gepflogenheit mit nur einer Lesung, dem nachfolgenden Lied oder/und Zwischenspiel, ergänzt mit dem Ruf vor dem Evangelium und dem Evangelium, führt sicherlich dazu, den Antwortpsalm als lässlich zu verstehen. Sobald zwei Lesungen und Evangelium vorgesehen werden, wird die Rolle des Antwortpsalmes als Folge aufgewertet. Persönlich haben mich die Beiträge aus KG und anderen Publikationen nie richtig angesprochen. Sicherlich auch, weil mich die Klanglichkeit der französischen Kirche diesbezüglich emotional prägte und ich als Kind in unserer Schweizer Kirche keine entsprechenden Erfahrungen gemacht hatte.

Was müsste aus deiner Sicht getan werden, um den Kantorendienst endlich heimischer werden zu lassen?

Zunächst sollte die vorgesehene Form des Wortgottesdienstes, bestehend aus Lesung, Antwortpsalm/-gesang, Lesung, Ruf vor dem Evangelium und Evangelium, respektiert werden. Dies liesse die Bedeutung des Antwortpsalmes besser erkennen und erleben und würde ihm auch die entsprechende Wichtigkeit verleihen.
Dann könnten die Beiträge der aktuellen Publikationen noch zugänglicher, sprich: musikalisch attraktiver sein – aber nicht oberflächlicher.

Darf man von dir auch weiterführende Kompositionen erwarten?

Komposition ist für mich ein grosses Wort. Der ehemalige Leipziger Thomaskantor Georg-Christoph Biller verglich seine Beiträge an die Kirchenmusik mit der Vogelwelt. Nebst den Kompositionen von Adlern, Falken, Lerchen und Schwalben, seien seine Beiträge die eines Spatzen. Dieser Vergleich gefallt mir gut.
Neben den Antwortpsalmen entstanden bisher zwei Eröffnungsgesänge für die Gottesdienste der Fastenzeit, wobei der Text mein Pfarrer lieferte und ich die Musik, sowie zahlreiche Sätze von Advents und Weihnachtsliedern für Gemeinde, Chor, Bläser-Quintett und Orgel, die ich für unsere alljährlichen Weihnachtskonzerte zum Mitsingen geschrieben habe. Also alles «für den praktischen Gebrauch».

Herzlich danke ich dir für dieses Interview und wünsche dir auch im Namen unserer Leserinnen und Leser am 1. Februar einen guten Start in der Kathedrale St.Gallen und eine weiterhin frohmachende kirchenmusikalische Arbeit.

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Erich Taubmann

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