Musik am Pfingstsonntag 2026
Musik an Pfingsten 2026
Von Norbert Schmitz
Zu Pfingsten dürfen wir von der Kantorei Sankt Georg den Gottesdienst mit einer preisgekrönten Messe mitgestalten. Wir singen die Missa Salve Regina des Komponisten Johann Gustav Eduard Stehle. Da dieses Werk heute nur selten zu hören ist, erlauben wir uns, Ihnen eine kleine Einführung anzubieten.
Zum Komponisten
Johann Gustav Eduard Stehle wurde am 17. Februar 1839 in Steinhausen an der Rottum (Landkreis Biberach, etwa 50 km nördlich von Friedrichshafen) geboren. Sein Vater war Organist und Lehrer. Er spielte bereits im Alter von 12 Jahren die Orgel im Gottesdienst. Ab 1853 besuchte er das Lehrerseminar und arbeite als Lehrer von 1857 in Schussenried (D) und von 1864 in Kanzach/ Saulgau (D).
Erste Anerkennung als Musiker erhielt er 1867 mit dem ersten Preis eines cäcilianischen Kompositionswettbewerbs* – genau mit der Messe, die wir zu Pfingsten singen dürfen, siehe Werk. (Cäcilianismus: Typisch ist die Rückbesinnung auf die kath. Liturgie, den Verzicht auf Instrumente, bis hin zu einer Fokussierung auf den a-cappella-/ Vokalgesang wie z.B. in der Gregorianik.)
1869 kam Stehle dann in die Schweiz als Organist und Musikdirektor für Sankt Columban in Rorschach (SG). Darüber hinaus gründete er in Rorschach eine Gesangs- und Musikschule, sowie den in Sankt Gallen den Cäcilienverein.
Im Jahr 1874 begann er seine Tätigkeit als Domkapellmeister** und Domorganist in Sankt Gallen, welcher er bis zu seiner Pensionierung 1913 innehatte. Neben dem Einsatz für die Cäcilianische Musikrichtung (als Verleger von Zeitschriften, von Musik und als Komponist) erarbeitete er sich in Sankt Gallen einen exzellenten Ruf, denn er baute u.a. den Domchor von 40 auf 140 Sänger aus, steigerte ihn zu einem Kirchen- und Konzertchor, und wurde zu Konzertreisen innert der ganzen Schweiz, sowie nach Deutschland und Frankreich eingeladen. 1888 reiste er nach München für Kompositionsstudien beim uns bekannteren Josef Rheinberger. Beide Kirchenmusiker teilten das Bestreben, hochwertige, technisch solide und liturgisch korrekte Musik zu schreiben, die dennoch die hohen Anforderungen der romantischen Klangästhetik erfüllte. Stehle komponierte diverse weitere Messen, Motetten und Oratorien (z.B. „Lebende der hl. Cäcilia“). Er erhielt diverse Auszeichnungen, u.a., 1911 die Ehrendoktorwürde Dr. h.c. phil. der Universität Freiburg (FR). Zwei Jahre nach seiner Pensionierung, am 21. Juni 1915 verstarb er in Sankt Gallen.
Zum Werk:
Die Preis-Messe gilt als ein weit verbreitetes Beispiel für katholische Kirchenmusik des 19. Jahrhunderts, welches überregionale Bedeutung erlangte, die bis nach Brasilien reichte. Ähnlich wie Felix Mendelssohn-Bartholdy, der Tonsatz und Ästhetik der Barock-Komponisten Bach und Händel mit einer romantischen Tonsprache verbindet, so orientiert sich der Spätromantiker Stehle an den Vorgaben des Cäcilianismus, welcher das Ideal in der Musik Palestrinas, aber auch im Gregorianischen Choral sieht. Das die Messe durchdringende Hauptmotiv ist der Anfang der marianischen Antiphon ‚Salve Regina‘ nach der neogregorianischen Vertonung des Barockkomponisten Henri Du Mont (1610 – 84). Da Stehle mit dem Salve-Regina-Motiv „nur“ das Messordinarium vertont und nicht die in die Zeit nach Pfingsten gehörende Antiphon singen lässt, erlauben wir uns, die Messe bereits am Pfingstsonntag aufzuführen – immerhin fällt das Fest in den Marienmonat Mai!
Dem cäcilianischen Ideal des a cappella-Gesangs wird z.B. im Gloria gehuldigt, wo der Chor allein „Domine Deus, Agnus Dei, Filius Patris“ (Herr und Gott, Lamm Gottes, Sohn des Vaters) singt und so dieser Stelle einen besonderen und sehr schönen Ausdruck verleiht, bis die Orgel wieder sanft dazukommt.
Trotz dieser Schlichtheit bringt Stehle romantische Gefühle in die Musik. Wenn Sie an bestimmten Stellen plötzlich eine spannungsvolle, leicht ’schwebende‘ Stimmung hören, liegt das an der sogenannten ‚Chromatik‘. Das sind Töne, die sehr eng beieinander liegen und Spannung aufbauen, und menschliche Gefühle intensivieren. Deutlich wird zum Anfang des Gloria, wenn es heißt „Laudamus te, benedicimus te (…)“ (Wir loben Dich, wir preisen Dich (…)).
Klanglich brillant sind ebenso die Überraschungen in dieser Messvertonung. Ein Beispiel hierfür bietet die Messe Ihnen im letzteren Teil vom Credo (Glaubensbekenntnis) an, welches sich liturgisch sehr nah an dem uns bekannten apostolischen Text hält: „Et expecto resurrectionem mortuorum“ (und [ich] erwarte die Auferstehung der Toten). Zuerst singen wir Et expecto in forte, also laut. Dann folgt eine Pause von drei Schlägen, bevor mit Resurrectionem wieder einsetzten, weiterhin forte, welches dann mit einem Crescendo (laut werden) schnell zum Fortissimo (sehr laut) wächst. Plötzlich, ganz unerwartet, setzen wir für einen Schlag nochmals aus. Wir holen Luft und singen mortuorum im innigst und kraftvollsten fortissimo, also äusserst laut. Solche plötzlichen Pausen bieten einen großen Überraschungseffekt und verstärken den Text umso mehr.
Die Romantik manifestiert sich auch durch einen ständigen Wechsel der Lautstärken, was uns die Musik so lebendig erleben lässt. Beispielhaft dafür ist im Agnus Dei die ternäre Wiederholung der Passage „Agnus Dei qui tollis pecata mundi“ (Lamm Gottes, der Du trägst die Sünde der Welt). Die Tenöre singen vorweg mit der Dynamik „piano“ (leise), worauf der ganze Chor im „pianissimo“ (sehr leise) dazukommt, und nach wenigen Takten, langsam „minimal lauter“ singt, somit wieder „piano/leise“, bevor es nach drei Schlägen beim „peccata“ plötzlich fortissimo sein darf, also sehr laut. Was für eine schöne und gelungene Klangfreude!
Abschließend: Ed. Stehle komponierte die Messe ursprünglich für einen zweistimmigen Chor (Sopran und Alt, ad. lib. Tenor und Bass). Wir singen ein vierstimmiges Arrangement, mit Ausnahme des Benedictus (bis vor dem Hosianna). Dieses singen wir zweistimmig, also hohe und tiefe Stimmen jeweils zusammen, welches Ihnen zusätzlich den Genuss des ursprünglicheren Charakters der Messe offeriert.
Insgesamt freuen wir uns sehr, diese homogene Messe singen zu dürfen, sowohl die vokalen Passagen als auch die romantischen Aspekte dieser Musik, die fast wie Kino-Musik klingt. Diese Informationen wecken in Ihnen sicherlich eine zusätzliche Vorfreude zum Hochfest Pfingsten wie uns, und am schönsten für uns wäre es, wenn wir den Gottesdienst gemeinsam mit Ihnen zu feiern.
*Es ist leider nicht dokumentiert, um welchen Wettbewerb es sich handelt. Belegt ist jedoch der Organisator, ein Franz Xaver Witt, welcher Gründer des „Allgemeinen Cäcilien-Verbandes für die Länder der deutschen Sprache (ACV)“ war. In der Jury saßen u.a. die amtierenden Domkapellmeister Karl Geith (Sankt Gallen) und Moritz Brosig (Breslau) und der Organist der Kathedrale von Luxembourg, Heinrich Oberhofer. Alle 4 waren ranghöchste Vertreter der cäcilianischen Musikrichtung und damit sicherlich für die spätere Laufbahn von Ed. Stehle förderlich.
**Domkapellmeist von Sankt Gallen: Stehles Nachfolger wurde Joseph Gallus Scheel, welcher das beliebte Bruder-Klaus-Lied „Mein Herr und mein Gott (…)“ (siehe KG 546) komponierte. Wiederum Scheels nach-nach-nach-nach Folger ist unser ehemaliger Kantor und der jetzige Domkapellmeister, Andreas Gut.
