Musik ist das Herz der Liturgie
Der Kirchenmusiker der katholischen Kirchgemeinde Küsnacht-Erlenbach Joachim Schwander im Gespräch mit Giulia Ferraldeschi.
Orgelklänge, jahrhundertealte Gesänge, moderne Kompositionen – Kirchenmusik ist lebendig und tief verwurzelt in der Geschichte. Doch wie hält man sie in der heutigen Zeit relevant? Wie bringt man Menschen aus verschiedenen Generationen und Kulturen durch Musik zusammen? (m&l)
Giulia Ferraldeschi, April 2025
Joachim Schwander ist Musikdirektor und Hauptorganist der Kirche St. Georg in Küsnacht-Erlenbach. In seiner Rolle leitet er verschiedene Chöre, programmiert Konzerte, koordiniert sämtliche musikalischen Aktivitäten der Kirche und sorgt dafür, dass Tradition und Innovation harmonisch miteinander verschmelzen. In diesem ausführlichen Gespräch erzählt er von seinem Alltag zwischen Proben, Orgelstudium und spontanen musikalischen Herausforderungen. Er spricht über die Unterschiede zwischen Kirchenmusik in England und der Schweiz, erinnert sich an bewegende Momente, etwa einen Rocksong bei einem Begräbnis, und wagt einen Blick in die Zukunft der Kirchenmusik.
„Mein Tag beginnt mit Musik“ – über den Alltag eines Musikdirektors
m&l: Herr Schwander, Sie sind sowohl Organist als auch Musikdirektor. Wie sieht Ihr typischer Arbeitstag aus?
Joachim Schwander
Mein Tag beginnt je nach Bedarf mit Gesang-, Orgel- oder Partiturstudium – ich versuche, jeden Tag Zeit zum Üben zu finden. Danach setze ich mich an den Schreibtisch, beantworte E-Mails, koordiniere mit Kollegen und plane Proben. Ein grosser Teil meiner Arbeit ist die musikalische Programmierung: Welche Stücke passen zu den Gottesdiensten? Welche Chorbesetzung ist ideal? Wer singt welches Solo? Ich muss ständig die Balance zwischen Tradition und neuen musikalischen Einflüssen finden. Montags ist mein Tag besonders intensiv: Nachmittags leite ich ein Singen für Senioren, dann folgen die Proben mit der Schola Gregoriana und der Kantorei. Zusätzlich arbeite ich an Arrangements für den Jugendchor und investiere Zeit in meine eigene Weiterbildung – ich nehme sogar Geigenunterricht, um die Perspektive der Instrumentalisten besser zu verstehen.
m&l: Das klingt nach einem vollen Terminplan! Wann essen oder entspannen Sie?
(lacht) Essen? Das ist oft ein Sandwich im Vorbeigehen! Ruhepausen sind selten, aber wenn man seine Arbeit liebt, fühlt es sich oft nicht nach Arbeit an.
Herausforderungen und Lieblingsrepertoire
m&l: Was sind die grössten Herausforderungen in Ihrem Beruf? Und welche Musik mögen Sie besonders?
Joachim Schwander
Ich liebe Musik aus der Zeit von 1880 bis 1950, aber eigentlich mag ich alles, was gut geschrieben ist. Interessanterweise bin ich über Rock und Heavy Metal zur Kirchenmusik gekommen! Vielleicht hat mich gerade die Energie dieser Musik fasziniert und später zur kraftvollen Orgelmusik geführt. Die größte Herausforderung ist es, immer das richtige Repertoire für die jeweilige Situation zu wählen. Musik ist nie nur Klang – sie vermittelt Emotionen, schafft Atmosphäre. Gleichzeitig muss ich darauf achten, die richtigen Sängerinnen und Sänger für die richtigen Stücke auszuwählen und die Chöre an ihr bestmögliches Niveau heranzuführen.

Kirchenmusik in England und der Schweiz – ein Vergleich
m&l: Sie haben sowohl in England als auch in der Schweiz gearbeitet. Welche Unterschiede sehen Sie?
Joachim Schwander
Der grösste Unterschied? Neben der Finanzierung die gelebte Praxis.
England hat eine starke Chortradition, die schon in Schulen und Universitäten gefördert wird. Es gibt ein «Voice for Life» genanntes Programm, das junge Sänger bei der Mitwirkung im Chordienst pädagogisch begleitet. Die ABRSM-Lehrpläne (ein strukturiertes System zur musikalischen Ausbildung) fördern die Ausbildung auf dem Instrument und in Musiktheorie. In der Schweiz gibt es zwar viele talentierte Musiker, aber viele haben eine mentale Hürde beim Singen – selbst gute Instrumentalisten sind nicht unbedingt selbstbewusste Sänger. In England gibt es ausserdem jeden Sonntag einen singenden Chor. Früher, wir reden immerhin noch von den 70er- und 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts, waren viele englische Kinder samstags bei den Pfadfindern und sonntags im Kirchenchor – es war oft die einzige Freizeitaktivität. Das schlägt sich bis heute spürbar in der Anzahl und Qualität englischer Chöre nieder.
„Flexibilität ist der Schlüssel“ – Transfer in die Schweiz
m&l: Welche Elemente aus der englischen Tradition versuchen Sie in St. Georg zu integrieren?
Joachim Schwander
Ich versuche, Flexibilität und Spontaneität einzubringen – auch wenn manche in der Schweiz das als chaotisch bezeichnen würden! (lacht) Mein Ansatz zieht Menschen an, die offen für neue musikalische Erlebnisse sind. Deshalb sind in meinem Chor auch viele Expats, also Menschen, die ausserhalb ihres Heimatlandes bei uns in der Schweiz leben. Diese suchen kulturellen und sozialen Anschluss.
Musik als spirituelles Zuhause
m&l: Welche Rolle spielt Musik in einer Kirchengemeinde?
Joachim Schwander
Musik bringt Menschen zusammen und öffnet sie für Spiritualität. Religion gibt unserem Leben durch Feste und Sakramente eine Struktur, und wir liefern dazu die musikalische Kulisse. Musik gibt den Menschen Orientierung und ein Zuhause. Viele sind tief bewegt, wenn sie Weihnachtslieder hören – weil sie sie an ihre Kindheit erinnern.
Ein besonderer und nachhaltiger Moment
m&l: Gab es einen Moment, in dem Musik Ihre Gemeinde besonders berührt hat?
Joachim Schwander
Ein sehr bewegendes Erlebnis war das Begräbnis eines slowenischen Gemeindemitglieds, eines Freundes unserer Sakristane. Er war Hobby-DJ, und es gab einen bestimmten Rocksong einer jugoslawischen Band der 80er Jahre, den alle mit ihm verbanden. Ich habe für die Feier das Stück für die Orgel arrangiert, und die Gemeinde war tief berührt. Monate später bekam ich aus Bosnien ein Video, in dem seine Freunde meine Version des Liedes hörten. Sie bedankten sich dafür, dass ich ihren Freund so gut repräsentiert habe – das war ein ganz besonderer Moment für mich.
Wie bleibt Kirchenmusik lebendig?
m&l: Wie kann man Kirchenmusik modernisieren, ohne ihre Wurzeln zu verlieren?
Joachim Schwander
Ein Weg ist es, Traditionelles und Modernes geschickt und mutig zu kombinieren. Mein Ziel ist, die Menschen auf neue Musik vorzubereiten – in einer strategisch sinnvollen Weise. „Modern“ bedeutet nicht nur Pop oder Rock, sondern auch zeitgenössische klassische Musik.
Persönliche Inspirationen
m&l: Gibt es einen Komponisten oder ein Stück, das für Sie die perfekte Verbindung zwischen Musik und Spiritualität darstellt?
Joachim Schwander
Ganz klar: Gregorianischer Choral! Das ist die DNA der europäischen Kirchenmusik – es gibt in meinen Augen nichts Spirituelleres oder Liturgischeres. Aber auch Komponisten wie Reger, Duruflé, Arvo Pärt, die ukrainische Komponistin Hanna Havrylets und Rachmaninows Vespern faszinieren mich.
Die Zukunft der Kirchenmusik
m&l: Wird Kirchenmusik verschwinden oder sich weiterentwickeln?
Joachim Schwander
Die gute Nachricht: Es wird immer Menschen geben, die ihren Glauben leben wollen – und die singen möchten. Kirchenmusik wird nicht verschwinden, sondern sich weiterentwickeln. Ich bin oft überrascht, wie Menschen zufällig Orgelmusik entdecken. Kürzlich war ich in einer Pizzeria, und sie spielten Renaissance-Musik! Diese Musik wird nicht sterben – sie kehrt in verschiedenen Formen und Kontexten immer wieder zurück
Ratschlag für junge Kirchenmusiker
m&l: Welchen Rat würden Sie einem jungen Musiker geben, der diesen Weg einschlagen will?
Joachim Schwander
Sei offen für alles! Singe, spiele Klavier und sei stilistisch vielseitig. Finde deine Stärken und suche eine Kirche, die zu deinem Stil passt. Und vor allem: Plane deine Karriere nicht zu starr – du weisst nie, wo du letztendlich landen wirst!

Interviewpartner
Joachim Schwander (*1978) studierte an der Musikhochschule Zürich, am Conservatoire de Région de Strasbourg und an der Royal Academy of Music in London. Von 2003 – 2009 war er Hauptorganist an der reformierten Stadtkirche Liestal. Daneben trat er regelmässig als Solist und Ensemblemusiker auf und arbeitete als freier Mitarbeiter bei der Zürichsee Zeitung. 2011 erwarb er den Master of Music in Research an der Royal Academy of Music in London, gefolgt von einem organ scholarship an der Abtei in Sherborne (England). Weiterbildungen in Chor- und Orchesterleitung an der Sherborne Summer School of Music sowie der ZHdK ergänzen seine Ausbildung. Seit 2017 leitet er in Küsnacht Chorgruppen, Band und Orchester, plant und organisiert die gesamte Kirchenmusik und bestreitet einen Teil der Orgeldienste an Wochenenden. Die Pflege eines breiten Spekrtums von Gottesdienstmusik von der Gregorianik bis zur Moderne, vom Gemeindegesang zur Orchestermesse, von Motette bis Oratorium ist seine Passion.
Die Autorin
Giulia Ferraldeschi ist Sängerin und Dozentin. Sie hat Abschlüsse in Gregorianischem Gesang, Renaissance- und Barockgesang erworben und ist derzeit im Masterstudium in Opernperformance an der Hochschule der Künste Bern. Sie hatte die Gelegenheit, in bedeutenden Theatern und mit Vokalensembles zu arbeiten, wobei sie Werke grosser Komponisten aufführte. Als Dozentin unterrichtet sie liturgischen Gesang und Gregorianischen Gesang, sowohl in Italien als auch im Ausland. Ihre Leidenschaft für alte Musik und Innovation treibt sie auch dazu, mit Künstlicher Intelligenz zu experimentieren.
